Erinnerungen an die Wiedervereinigung

Warum erinnern sich Menschen unterschiedlich an die Wiederverinigung?

Das Mauerbild „Es gilt viele Mauern abzubauen“ ist von Ines Bayer und Raik Hönemann. Es ist an der 1,3 km langen East Side Gallery in Berlin-Friedrichshain. (imago images / Travel-Stock-Images)

 

EINHEIT INKLUSIV >> Modul 3 „Erinnerungen an die Wiedervereinigung“

 

Warum erinnern sich Menschen unterschiedlich an die Wiedervereinigung?

Wir feiern jedes Jahr am 3. Oktober den Tag der Deutschen Einheit:
     • Wir erinnern an die deutsche Teilung,
     • an den Mut der Demonstrantinnen und Demonstranten,
     • und dass Deutschland nach 40 Jahren Teilung wiedervereint wurde.

Aber nicht für alle Menschen waren die Jahre 1989 und 1990 ein Grund zum Feiern.
Viele Menschen verloren ihre Arbeit.
Es kam zu Rassismus rund um die Wiedervereinigung.
Menschen fühlten sich aus der „deutschen Gesellschaft“ ausgeschlossen.
Sie fragten sich: Gibt es auch für uns einen Platz in diesem neuen Deutschland?

Über diesen Teil der Geschichte wird selten gesprochen.
Viel mehr wird über die Erfolge berichtet.
Aber wie schaffen wir es, auch die Probleme nach der Wiedervereinigung nicht zu vergessen?

Wichtig ist:
Wir müssen uns um alle Menschen mit und ohne Migrations-Hintergrund kümmern.

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„Die Frage nach der Heimat“

Nach dem Mauerfall fragt sich Hong Trung Dinh:
Was ist meine Heimat?
Soll er in Deutschland bleiben oder nach Vietnam zurückgehen?

Migrations-Hintergrund bedeutet: Ein Mensch oder ein Elternteil ist ohne deutsche Staatsbürgerschaft geboren.
Er oder sie lebt aber in Deutschland und/oder ist in Deutschland aufgewachsen.
Der Begriff umfasst zum Beispiel: Eingewanderte und ihre Kinder, Aussiedlerinnen und Aussiedler.
Das Wort „Migrations-Hintergrund“ wird viel diskutiert.
Viele Menschen sagen: Der Begriff grenzt Menschen aus, die in Deutschland geboren und/oder aufgewachsen sind.
Sie werden als „anders“ und „fremd“ gesehen.

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Textquelle: „Der Tag der Deutschen Einheit ist nicht mein Tag“

t,,,,Martin Hyun (1979 in Krefeld geboren) ist Politologe und Eishockey-Spieler.
Er war der erste Bundesliga-Profi in der Deutschen Eishockey Liga mit Eltern aus Korea.
Seit 1993 ist er deutscher Staatsbürger und lebt in Berlin.
Im Jahr 2012 erzählt er:

„Am Tag der Deutschen Einheit möchte ich nicht feiern.
Ich bin deutscher Staatsbürger.
Doch mit diesem Tag habe ich [nichts] zu tun.
[Dieser Tag zeigt mir],
wie groß [der Unterschied] zwischen den Einheimischen und den Menschen mit Migrations-Hintergrund ist.
[…] Und solange die Geschichte der Gastarbeiter […] keine Rolle spielt,
[…] wird der 3. Oktober nicht mein Tag der Deutschen Einheit sein.
[Denn] Fremdenhass und Nazi-Terror [wuchsen].
[…] Asylantenheime [wurden] angezündet und ausländische Mitbürger gemobbt oder getötet […].
Rassismus, [Fremdenhass] und Diskriminierung sind [überall] und stärker wie je zuvor. […]
Der 3. Oktober [erinnert] mich daran […],
• wie unterschiedlich die Interessen,
• wie hartnäckig die Ungleichheit,
• wie alltäglich die Diskriminierung
in Deutschland ist.“

[Quelle: Martin Hyun: „Nicht mein Tag der Deutschen Einheit“, Deutschlandfunk Kultur (02.10.2012).]

Diskriminierung bedeutet: Menschen benachteiligen einzelne Menschen oder Gruppen. Sie behandeln sie unfair und ungerecht.
Gründe sind zum Beispiel: Alter, Geschlecht, Religion, Fähigkeiten oder Herkunft. Oft spielen Vorurteile eine Rolle.
Diskriminierung bedeutet die bewusste Ausgrenzung von Menschen.
Auch Rassismus ist eine Form von Diskriminierung.

„Wir sind auch das Volk“ …

Die Wiedervereinigung hat vielen Menschen das Gefühl des gemeinsamen „Deutsch-seins“ gegeben.
Der Spruch „Wir sind ein Volk“ von den Montags-Demonstrationen stand für dieses nationale Gefühl.
Trotz der langen Teilung gehörten beide deutschen Staaten zusammen.
Nicht mehr „ost-deutsch“, nicht mehr „west-deutsch“, sondern „gesamt-deutsch“.
Dieses nationale Gefühl verstärkte aber den Rassismus.
Viele Einwanderinnen und Einwanderer und ihre Kinder fühlten sich ausgeschlossen.
Sie galten als „nicht-deutsch“.

Ein Mann hält 1990 auf einer Demonstration in Berlin ein Schild hoch: „Auch wir sind das Volk“.

Ein Mann hält 1990 auf einer Demonstration in Berlin ein Schild hoch: „Auch wir sind das Volk“. (akg-images / picture-alliance / ZB / Reinhard Kaufhold)

„Typisch deutsch?“

Was bedeutet „typisch deutsch“ überhaupt?
Viele diskutierten immer wieder:
Was und wer ist eigentlich „deutsch“?
Die Bundesregierung hat vor einigen Jahren Expertinnen und Experten beauftragt.
Sie bildeten 2019 eine Fachkommission.
Das ist eine Gruppe von Leuten,
die sich zu einem Thema besonders gut auskennen.
Sie sollten überlegen,
wie man mehr Gemeinsamkeit in Deutschland erreichen kann.
Und wie Einwanderinnen und Einwanderer in Deutschland besser einbezogen werden können.

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„Doppelte Fremdheit – deutsch oder sowjetisch“

Marianna Neumann erzählt:
Viele Menschen in Deutschland sahen die Aussiedler als „Russen“.
Auch weil nicht in allen Familien Deutsch gesprochen wurde.
Die Familien sahen sich aber als Deutsche.
Das stand auch in der Sowjetunion in ihren Pässen.

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„Als Deutscher im Ausland“

Cahit Basar erlebte in England Rassismus, weil er aus Deutschland kommt. Er erlebte in Deutschland Rassismus, weil seine Familie aus einem anderen Land kommt.

Aussiedler oder Spätaussiedler sind Menschen, die nach 1989 nach Deutschland gekommen sind. Sie lebten vorher in kommunistischen Ländern in Osteuropa. Zum Beispiel in Polen, Rumänien oder dem damaligen Jugoslawien. Seit 1950 gab es mehr als 4,5 Millionen Menschen, die nach Deutschland kamen.

Das Mauerbild „Es gilt viele Mauern abzubauen“ ist von Ines Bayer und Raik Hönemann. Es ist an der 1,3 km langen East Side Gallery in Berlin-Friedrichshain. (imago images / Travel-Stock-Images)

Bevölkerung in Deutschland

Im Jahr 2019 lebten mehr als 81 Millionen Menschen in Deutschland.
Jeder 4. Mensch hat einen Migrations-Hintergrund.
Das heißt, die Familie stammt aus einem anderen Land.
Von allen Personen mit Migrations-Hintergrund sind mehr als die Hälfte selbst eingewandert.
Sie sind also nicht in Deutschland geboren.
Etwas mehr als die Hälfte besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft (52,4 Prozent).
Das heißt, diese Menschen haben einen deutschen Pass.
Der Anteil von Menschen mit Migrations-Hintergrund wird immer größer.
Im Jahr 2019 hatten 40,4 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren einen Migrations-Hintergrund. 

„Wie lange muss sich eigentlich jemand fragen: Bin ich „deutsch“ oder „nicht-deutsch“?“

Viele Einwanderinnen und Einwanderer leben schon sehr lange in Deutschland.
Ihre Kinder sind hier geboren.
Manchmal werden sie gefragt:
„Wo kommst du eigentlich her?“
Meistens werden Menschen nach ihrer Herkunft gefragt, wenn

     • ihr Aussehen,
     • ihr Nachname
     • oder ihre Sprache

als „nicht-deutsch“ wahrgenommen werden.

Oft sind die Leute nur neugierig.
Aber die Gefragten fühlen sich dann diskriminiert.
Das heißt, sie kommen sich dann „fremd“ vor.
Warum werden diese Menschen als „nicht-deutsch“ gesehen?
Obwohl sie doch

     • in Deutschland geboren sind,
     • deutsch sprechen und
     • ihr ganzes Leben in Deutschland verbracht haben?

Bis heute wird über dieses Thema diskutiert.
Auf dem 11. Integrationsgipfel von der Bundesregierung 2020 sagte die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel dazu:
„Ich bin in Hamburg geboren, aber in der DDR aufgewachsen.“

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„Wünsche für die Einheitsfeier“

Cahit Basar wünscht sich für die Feiern zur deutschen Einheit Veränderungen.
Es sollten alle Menschen dabei sein, egal woher sie oder ihre Eltern kommen.